„Auerhaus“- Filmkritik

In Neele Vollmars (die „Rico, Oskar und…“-Reihe) neuem Film „Auerhaus“ ziehen die vier Jugendlichen Hoeppner (Damian Hardung, „Das schönste Mädchen der Welt“), seine Freundin Vera (Luna Wedler, „Das schönste Mädchen der Welt“), Cäcilia (Devrim Lingnau) und der suizidgefährdete Frieder (gewohnt solide: Max von der Groeben, „Fack ju Göhte“) Mitte der 80er in ein altes verlassenes Haus am Rande ihres kleinen, vergessenen Heimatdorfes im südlichen Deutschland und beginnen so eine Art Zweckgemeinschaft. Der Zweck: Frieder, der gerade erst wieder nach einem ersten Selbstmordversuch aus der geschlossenen Anstalt entlassen wurde, von einem weiteren Versuch abzuhalten.

Dabei lässt sich der Film nicht wirklich in ein Genre einordnen. Auf keinen Fall ist er eine Komödie, oder eine Tragikomödie, dafür geht er mit den behandelten Themen wie Depression und Lebensmüdigkeit zu ernst und eigentlich auch respektvoll um. Ein echtes Drama ist der Film allerdings auch nicht, dafür fehlt ihm ein richtiger Spannungsbogen. Denn eines ist ab der ersten Filmminute klar:

Am Ende wird Frieder es geschafft haben, sich das Leben zu nehmen. Das verrät sein Schulfreund Hoeppner, der Protagonist des Films im Voice Over. Die Zeit zwischen fehlgeschlagenem und schlussendlich erfolgreichem Suizidversuch, damit beschäftigt sich dieser Film.


Am ehesten wirkt „Auerhaus“ somit wie eine lebensnahe Erinnerung an eine vergangene Jugendzeit.

Der Film ist größtenteils in Ordnung, verschenkt aber viel von dem Potential seiner aufstrebenden Jungdarsteller. Denn er lässt so viel liegen bezüglich seiner Charaktere. Jeder von ihnen scheint einen Hau weg zu haben. Aber statt dies auszuformulieren, lässt man vieles größtenteils im Argen. So entsteht nie eine richtige Bindung zu den Charakteren und darüber hinaus, weiß man auch nicht mal genau, wie diese Figuren jetzt eigentlich zueinanderstehen: Sind sie Freunde? Oder sind es einfach junge Menschen, für die es, warum auch immer, eine gute Idee zu sein scheint, zusammenzuziehen?

Der Beweggrund erschließt sich nämlich nicht unbedingt. Zwar stehen Max von der Groebens Frieder und dessen initialer Selbstmordversuch immer im Vordergrund, aber den Eindruck, dass sich seine drei Mitbewohner wirklich um seine Gesundheit sorgen, erhält man augenscheinlich erst sehr viel später im Film.

Zu Beginn erscheint das Zusammenziehen den Figuren nur zweckmäßig und in Teilen ist das tatsächlich nachvollziehbar. Zum Beispiel will Hauptcharakter Hoeppner von Frieder weiterhin die Hausaufgaben, um es bis zum Abi zu schaffen, und erhält ihn deshalb am Leben. Aber warum Hoeppners Freundin Vera mit einzieht, bleibt einem schleierhaft. Gerade auch, weil die beiden Darsteller es irgendwie nicht schaffen, dieselbe Chemie herzustellen, die die beiden noch in „Das schönste Mädchen der Welt“ hatten. Klar, später lernt der Zuschauer, dass die Beziehung auch eher auf Sand gebaut zu sein scheint, aber zwischen den beiden ist gar nix.

Je mehr man darüber nachdenkt, so sind fast alle Bindungen zwischen den jungen Charakteren nicht wirklich geprägt von echter Sympathie. Jetzt könnte sich der Film ja zur Aufgabe gemacht haben, genau dies über seine Laufzeit zu verändern – aber dafür ist Hoeppner als Protagonist leider die ganze Zeit zu unnahbar.

Zugegeben, es gibt zwei Szenen mit ihm, die auf eine gewisse Art hervorstechen, da sie ehrlich und natürlich wirken: In der einen Szene spricht Hoeppner im Auto mit seiner Mutter darüber, dass Frieder Depressionen hat (No Shit, Sherlock!) und woran man diese erkennt. Kurz flimmert ein Gesichtsausdruck über Damian Hardungs Gesicht, den man verschiedentlich deuten kann. Erkennt er, dass es das ist, was Frieder fehlt? Oder erkennt er gar, dass er selbst Depressionen hat, oder seine Mutter? Es wäre eine kleine feine Zwischennote. Jedoch verstreicht die Szene und trägt im weiteren Verlauf keine Früchte.

In der anderen Sequenz schieben Hoeppner und Frieder ihre Fahrräder auf einer Waldstraße entlang. Max von der Groeben darf in dieser Szene ein wenig mit Gravitas aufspielen: „Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wollte nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied.“ In dieser Szene merkt man, was für ein Talent in ihm steckt.

„Im Auerhaus drehen wir uns alle um uns selbst. Frieder sagt, es ist eine Spirale und wir nähern uns ihrem Mittelpunkt.“ – Hoeppner

Frieder soll recht behalten. Die Spirale mündet in einer Sequenz, in der die Gruppe gemeinsam im Kleinbus fährt, und Frieder im Handschuhfach eine Waffe findet, plus alles was folgt. All das hätte noch sehr viel stärker in einem besser ausgearbeiteten Drehbuch wirken können. So ist diese Sequenz leider der einzig wirklich überzeugende Moment des Films.

Ansonsten wirkt der Film unentschlossen, ob er der Tristesse verfallen und ein hoffnungsloses Bild zeichnen, oder ob er doch den Silberstreif der Hoffnung am Horizont aufzeigen möchte. Man kann dem Film hier jedoch zugutehalten, dass er sich zumindest dem Gefühl einer Depression annähert: Es geht auf und ab, es gibt gute und schlechte Tage.

Wenn vier Gleichaltrige zusammenziehen, von denen einer psychisch krank ist, erwartet man, dass die Geschichte sich darum drehen wird, diesen einen wieder zurück in die Gesellschaft zu reintegrieren. Aber irgendwie erscheint es einem, als sei jeder Bewohner dieses Hauses auf seine eigene Art einsam – und daran ändert sich eigentlich nie etwas. Zu Beginn des Films erfährt der Zuschauer im Voice Over von Hoeppner, dass sie alle „beschädigte Ware“ sind, weil sie aus diesem Dorf kommen. Schnell wird klar, dass dies tatsächlich stimmt, aber ob es nur am Dorf liegt, ist eine andere Frage.

Schlussendlich ist „Auerhaus“ leider ein Film, der nicht mehr als ‚unter ferner liefen‘ ist. Man versteht, warum Warner Bros so wenig Marketing betrieben hat.

Text: Nino Steffeck

Bild: Warner

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