Cortex – Filmkritik

Cortex von Moritz Bleibtreu ist ein hochkomplexer Film. Wie schon bei Christopher Nolans Tenet ist es nicht unbedingt leicht, den Film beim ersten Mal zu verstehen. In dem Psychothriller steht Kaufhausdetektiv Hagen (gespielt von Bleibtreus selbst) im Zentrum. Er leidet an der Schlafkrankheit Hyposomnie und erfährt dadurch in extrem lebhaften Träumen immer wieder Einblicke in das Leben eines jungen Kleinkriminellen namens Niko (Jannis Niewöhner) und kann infolgedessen irgendwann nicht mehr zwischen Realität und Traum unterscheiden. Parallel dazu erfährt der Zuschauer, dass es ebenjenem Niko ganz ähnlich zu ergehen scheint. Aus dieser Prämisse entsteht vor allem dann im zweiten Akt eine große Verwirrung.

Dass diese allerdings gewollt ist wird ersichtlich daran, dass zu ihrer Erzeugung Bleibtreus Dramaturgie und seine Inszenierung Hand in Hand gehen:

Zum einen spielt er damit, dass sich seine beiden Figuren manchmal an Orten befinden, wo für den Zuschauer eigentlich der „Erkennungsort“ des jeweils anderen ist.

Zudem zündet der Schnitt ein Feuerwerk an dramaturgischen Kniffen, die einen durch ihre Blendwirkung fort vom Pfad des Verstehens führen. Des Öfteren werden da kleine Momente gezeigt, die nur Einbildung der Figur sind, die also gar nicht wirklich passieren, nur um dann wieder zu vermutlich realem Geschehen zurückzukehren, sodass man nie genau sagen, was davon jetzt Realität oder Traum ist.

 Diese Art der filmischen Montage dient Bleibtreu auch als Mittel für seine größte Täuschung: Er zeigt von Beginn an und dann über den Film hinweg zunehmend öfter flash-forward-artig Szenen, die erst später in der Handlung passieren, deren Platz das Publikum daher noch nicht ganz greifen kann, und klärt das Ganze erst im Nachhinein auf. Der Regiedebütant erreicht damit, dass wir unseren Augen nie ganz vertrauen können und uns ständig überrumpelt fühlen durch ein Update unseres Wissensstandes, das dabei ständig zurückspringt in der erzählten Zeit.

Die Grenze zwischen Traum, Illusion und Realität lässt Bleibtreu auch auf auditiver Ebene klar verwischen, da zunehmend Geräusche, Musik und Atmo aus einer folgenden Szene in die vorherige überfließen, was Cortex im Ganzen einen treibenden Flow verleiht.

Dieses ganze Tohuwabohu sorgt für reichlich Knoten im Kopf, die der dritte Akt beim ersten Anschauen nicht wirklich anschaulich zu entheddern weiß. Es lässt sich behaupten, dass selbst ein ständiges Auf der Hut sein tatsächlich nicht so viel bringt, um alles zu verstehen, obwohl es natürlich Grundvoraussetzung ist. Viel eher ist eine zweitmalige Ansicht anzuraten.

Dass man das als zusehende Person gerne tut, ist womöglich Cortex größte Errungenschaft: Trotz der Zuschauerkonfusion wird man wie bei Christopher Nolan sehr gut unterhalten und man will dem Geschehen unbedingt folgen, nicht nur, damit man am Ende auch auf gar keinen Fall als der Gelackmeierte vor sich selbst steht, weil man nicht aufmerksam genug war, sondern auch, weil es eben sehr spannend und anregend erzählt ist. Gehirnjogging mit Gangstern und Kaufhausdetektiv! Womöglich sind viele Fragen letztendlich auch einfach offen zur Interpretation…

Dem Katz-und-Maus-Spiel mit dem Verständnis des Zuschauers ist es aber auch geschuldet, dass man nie so ganz erfährt, wer Niko eigentlich wirklich ist, bzw. wie sich seine kriminellen Machenschaften genau gestalten.

Was auf jeden Fall wunderschön im Film ist, ist die Farbigkeit, wonach viele Szenen klar in ein oder zwei Farben getaucht sind und dem ganzen einen außerweltlichen Flair geben, außerhalb einer klar definierten Realität und Ordnung.

In Figurendesign und Locations/Ausstattung schlägt sich auch eine gewisse Gegensätzlichkeit der zwei Hauptfiguren nieder: auf der einen Seite der auf der Seite des Rechts stehende Kaufhausdetektiv, der verheiratet in einer ordentlichen Wohnung lebt, auf der anderen Seite der Kleinkriminelle in abgetragener Jeansjacke mit schreibfehlerbehaftetem Tattoo vor abgeranzten Hintergründen. Diese ästhetische Dualität der Figuren ist somit gegeben, sie findet sich aber de facto weniger in der tatsächlichen Handlung im Auftreten der Figuren wieder: Der Film legt stattdessen viel eher Wert auf ihre Gemeinsamkeiten: beide sind in ihrem Milieu eher die Loser-Typen: Die Ehe des einen droht zu scheitern, er leidet an Schlafproblemen, die Tochter wohnt nicht mehr da und in der Karriere scheint er sich ein Stück weit unzulänglich zu fühlen, da er eben „nur“ Kaufhausdetektiv und nicht etwa Polizist ist. Der andere wird augenscheinlich von seinem Bruder als Feigling angesehen, der Vater stirbt ihm weg und an der Frau, die er wohl geschwängert hat, hängt er wohl noch immer, wobei er es nicht auf die Reihe zu bekommen scheint, Verantwortung zu übernehmen.

Die Frage, die man sich dann am Ende des Films stellen kann, ist, ob die beiden mit dem Leben des jeweils anderen vielleicht sogar hätten zufriedener sein können.

Und dass man sich diese Frage überhaupt stellt, ist eine Leistung dieser wunderbaren Mischung aus Fight Club, Freaky Friday und Neonoir. Wem darüberhinaus Shutter Island und Inception gefallen haben, kann auch Spaß mit diesem Genrefilm haben.
Fazit: Moritz Bleibtreu soll bitte weiter Filme drehen, sowohl als Darsteller als auch als Regisseur!

Info:
Filmstart: 22.10.2020
Text: Nino Steffeck
Bild: Warner Bros.

Diese Kritik ist auch in Videoform auf Ninos YouTube-Kanal KINO NINO zu finden unter: https://www.youtube.com/watch?v=duote2PjwlI

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