„STAR WARS Der Aufstieg Skywalkers

Filmkritik von Nino Steffeck

Vorne weg: Ich bin Star Wars-Fan. Ich liebe die Originaltrilogie, mochte Episode VII mit all ihren „Fehlern“ und liebe Episode VIII für alles, was dieser Film mit mir gemacht hat, heiß und innig. Ich ging aus „Die Letzten Jedi“ raus mit der Überzeugung, den besten Film dieser neuen Trilogie damit schon gesehen zu haben und ließ deshalb J.J. Abrams Episode IX relativ gelassen auf mich zukommen.

Ich war von „Der Aufstieg Skywalkers“ auch relativ gut unterhalten – nur ist Episode IX kein richtiger Film, zumindest nicht wirklich. Vielmehr handelt es sich um ein mit Restbeständen aus dem Film-Werkzeugkasten zusammengeflicktes und mit Fan-Service glasiertes Vehikel, das allein aufgrund seiner Optik, seinem Sound, seinen Darstellern und ja, eben auch seinem Fan-Service nicht vollkommen zusammenbricht. Wohlwollend könnte man den Film mit dem Millenium Falken vergleichen: eine zusammengebastelte Schrottlaube, die es immer noch schafft, zu fliegen. Auch wenn sich jeder fragt, wie das überhaupt gehen kann.

Doch wie komme ich zu diesem Vergleich? Um zu verstehen, wie Episode IX so werden konnte, wie er geworden ist, hilft es, sich den Kontext zu vergegenwärtigen, in dem dieser Film entstanden ist: Von Anfang an bestand kein hundertprozentig festgezurrter Plan für diese Trilogie. Ursprünglich sollte J.J. Abrams („Star Trek“, 2009) als Regisseur von „Das Erwachen der Macht“ das tun, was er am besten kann: Spannende Fragen aufwerfen. Diese sollten dann in Episode VIII von Rian Johnson („Knives Out“, ab Januar im Kino) aufgegriffen und in Episode IX von Colin Trevorrow („Jurassic World“) zu Ende gebracht werden, wobei J.J. Abrams bei beiden Filmen als Executive Producer fungieren sollte.

Doch es sollte anders kommen: Trevorrow schied aus seinem Star Wars Film aus und Rian Johnson hatte sich dazu entschlossen, J.J. Abrams etwaigen größeren Plan nicht beinhart zu befolgen, sondern sein eigenes Ding draus zu machen. Dieser Ansatz war auch nicht völlig abwegig: Schließlich hatte Abrams im Vorgänger extrem viel im Argen gelassen, so viel, dass er sich unmöglich für alle spannenden Fragen eine ebenso spannende Antwort hätte einfallen lassen können.

Und den Leuten von Disney gefiel Johnsons Ansatz anscheinend auch sehr. Schließlich bot man ihm noch während der Dreharbeiten zu seinem Star Wars Film eine eigene Trilogie an. Doch die Reaktion der Fans widersprach diesem Vertrauen in den Regisseur nicht und goutierte Johnsons Mut, neue Wege zu gehen wider Erwarten nicht. Hatte man sich noch bei „Das Erwachen der Macht“ beschwert, zu sehr auf Nummer Sicher gegangen zu sein, so mokierte man sich bei „Die Letzten Jedi“ über so viele Dinge, die eigentlich logische Konsequenz waren, dass Disney sich panisch an ebenjenen Regisseur wandte, der das Ganze begonnen hatte, um es nun zufriedenstellend zu Ende zu bringen.

Aber die Situation ist so nun richtig vertrackt: J.J. Abrams hat eine richtig schwere Aufgabe. Zunächst einmal muss er Fragen zufriedenstellend beantworten, die er selbst effektheischend aufgeworfen hatte. Damit hatte er erwiesenermaßen ohnehin in der Vergangenheit schon immer Probleme, siehe „Lost“. Darüber hinaus darf er eigentlich nicht die freimütigen Story-Abbiegungen Rian Johnsons ignorieren, sondern sollte diese sinnvoll weiterentwickeln. Zu allem Überfluss hat er obendrauf noch die Mammutaufgabe, mit diesem Film nicht nur die neue Trilogie zu beenden, sondern eben die ganze, nun neun Filme umspannende Skywalker-Saga abzuschließen.
Eine Mission Impossible.

Denn genau dieser Verlauf der Dinge, all die äußeren Bedingungen spiegeln sich direkt in „Der Aufstieg Skywalkers“ als Stolpersteine wider.

Ich will beileibe nicht behaupten, der Regisseur hätte seinen Job nicht erfüllt. Er hat tatsächlich eine Geschichte vorgelegt, die all diese Umstände berücksichtigt und eine Conclusio anbietet. Allein, die Qualität dessen ist diskutabel. Abrams reißt alte, für abgeschlossen empfundene Storystränge wieder auf und entwickelt von Johnson nur das weiter, was in seine bereits bei Episode VII erdachte Schablone passt. Allen anderen Entwicklungen aus „Die letzten Jedi“ zeigt er den großen erzählerischen Mittelfinger. Das mag vielleicht die Ultra-Episode VIII-Hasser freuen, hatte Johnson doch ihrer Meinung nach nichts anderes mit Abrams‘ Vorgänger getan. Es zerstört aber die Integrität und die Plausibilität beider Filme. Und vor allem ist es feige und unüberraschend.

Plakativ repariert Kylo Ren seinen Helm- die roten Risse daran stehen sinnbildlich für das falsche Märtyrertum Abrams- diese Trilogie noch retten zu müssen und die auseinanderdriftenden Ideen und Gedanken dazu zusammenzukitten.

Die Frage nach Reys Herkunft wird noch einmal wichtig. Die Antwort, zu der dieser Film jetzt kommt, tritt den simpleren, aber inspirierenderen Ansatz des Vorgängers mit Füßen. Es fehlt einfach jeglicher Aufbau aus vorherigen Filmen. Dank der ultra schnellen Geschwindigkeit dieses Films, kann dies auch weder glaubhaft gemacht, geschweige denn vertieft werden. Wir müssen es nun wohl so hinnehmen.

An anderer Stelle revidiert eine Figur ihr ganzes vorheriges Verhalten innerhalb ihres ersten Satzes und wischt jegliche logische Argumentation vom Tisch. Außerdem will uns Episode IX nun vorgaukeln, dass diese Figur über einen gewissen Sachverhalt einen Wissensstand hat und auch schon immer hatte, was so knallhart gar keinen Sinn ergibt, dass spätestens an diesem Punkt die Glaubwürdigkeit unwiederbringlich passé ist.

Eine andere Figur, bei der es interessant gewesen wäre, sie weiterzuentwickeln wird komplett links liegen gelassen, bekommt zwar ihre vier bis fünf Anstandssätze, aber ihre komplette Bindung zu einer Hauptfigur aus dem vorherigen Film wird konsequent ignoriert.

Auf der anderen Seite erleben wir direkt zu Beginn des Films die Wiedereinführung des totgeglaubten Imperator Palpatines, der im Folgenden die komplette Handlung des Films bestimmt. Und ich frage mich die ganze Zeit, ob es das wirklich gebraucht hat. Ist Abrams wirklich so abhängig von einem Oberschurken, dass er, nachdem Johnson zuvor den Imperator-Abklatsch Snoke eliminierte, nun einfach wieder auf das Original zurückgreifen muss? Nur damit man alle neun Filme miteinander verbindet? So wird allerdings Darth Vaders kompletter Redemption Arc im Nachhinein vollständig ad absurdum geführt – einfach, weil wir ohne einen Fädenzieher im Hintergrund anscheinend nicht auskommen.

Wenigstens fällt der Film hierbei nicht in die Falle, die Emazipation Kylo Rens aus „Die letzten Jedi“ zu unterminieren. Er ordnet sich nicht dem Imperator in einem Schüler-Lehrer-Verhältnis unter, sondern sieht durch ihn seine Machtstellung gefährdet, will ihn zunächst auch vernichten und handelt dann nur in dessen Sinne, um von der neuen imperialen Flotte zu profitieren, wo auch immer die auf einmal herkommt. Eines der vielen großen Logiklöcher von Episode IX.

Dieses und andere Elemente im Set-Up des Films werden einem im ersten Drittel so regelrecht vor den Latz geknallt und man muss es einfach annehmen, ansonsten steigt man schon an dieser Stelle direkt aus. Mehr als die Hälfte des Films jagen die Charaktere MacGuffins hinterher.

Gibt der Imperator in Gestalt von Ian McDiarmid dem Film seine Düsternis, so ist es das geballte kraftvolle Schauspiel von sowohl Adam Driver als auch Daisy Ridley, was den Film seine Gravitas gibt, die „Der Aufstieg Skywalkers“ aber auch so bitter nötig hat.

Denn obwohl der ganze Film richtig düster ist, fehlt ihm über weite Strecken eine gewisse Fallhöhe, dafür ist er zu rasch und gefällig erzählt.

Zum Beispiel konnte Leia (Carrie Fisher, †2016) tatsächlich sinnvoll eingebaut werden und sie bekommt dann auch, was ihr zusteht. Aber aufgrund des Tempos geschieht dies leider zum falschen Zeitpunkt im Film und verursacht keinen nennenswerten emotionalen Impact. Es war auch irgendwie zu erwarten.

Diese Problematik verschärft sich durch die schiere Menge an fast schon aggressiv eingesetztem Fan-Service. Der bewirkt, dass ich den Film als Erzählung phasenweise nicht ernst nehmen kann. Episode IX erinnert oft sehr stark an einen Marvel Streifen, „Avengers: Endgame“ im Speziellen, denn sie ist viel zu sehr damit beschäftigt, auf einer Metaebene dem Zuschauer zuzuwinken und augenzwinkernd zu sagen: „Hier, kennste, ne?“

Generell ist viel einfach nur deswegen drin, damit es drin ist. Das ist im Einzelnen selten schlimm – aber die schiere Masse zerstört die Substanz. Der Gipfel war für mich final erreicht, als Chewbacca am Ende des Films tatsächlich noch eine Medaille bekommt, auf die er nun seit „Eine neue Hoffnung“ (1977) warten musste. Da hab ich wirklich laut aufgelacht.

Das Prinzip Style over Substance findet sich auch in den Bildern wieder. Vieles sieht total fantastisch aus, dafür wird allerdings oft die Logik strapaziert. Da wird Kylo Rens Speeder gleich zwei Mal zerstört, weil es geil aussieht, wenn Adam Driver vor einem brennenden Wrack auf die Kamera zuschreitet. Aber die Effekte, deretwegen Disney extra eine Epilepsiewarnung für Star Wars IX herausgab, entschädigen das. Auf der Klangebene ist der Film durchwachsen: einerseits sind die Soundeffekte oft großartig (siehe Lichtblitze des Imperators), andererseits hat John Williams‘ Score nichts Neues zu bieten. Er frühstückt nur altbekannte Leitmotive ab, wobei der Imperiale Marsch seine Rückkehr feiert. Wenigstens sehen wir den Komponisten in einem kleinen Cameo-Auftritt.

Die Sache mit „Der Aufstieg Skywalkers“ ist nicht, dass er mich nicht gefallen hat. Er hat mir relativ gut gefallen. Das heißt aber nicht, dass ich ihn ernst nehme. Das tue ich nämlich nicht. Ich lachte die ganze Zeit innerlich und bisweilen nach außen, ob der Lächerlichkeit, aber trotzdem empfand ich den Film als halbwegs unterhaltsam. Man hätte sich aber auch einfach weniger vornehmen können. Mehr auf die Charaktere dieser Trilogie fokussieren, sie konsequent vertiefen und nicht versuchen, das große Finale für alle neun Filme sein zu müssen. Da bürdet man sich zu viel auf und es macht das Erlebnis unrund. Etwas mehr Mut hätte gut getan.

Direkt nach dem Film hatte ich einen Satz im Kopf, der mir zwar immer noch etwas zu harsch erscheint, aber dennoch irgendwie passt:

„Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ ist der beste schlechte Witz, den ich jemals gehört habe. Schlechte Witze kann man ja auch mal genießen.

Text: Nino Steffeck

Bild:kino.de

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