Der Geheime Garten – Filmkritik

Ab dem 15. Oktober bringt Studiocanal hierzulande den auf der gleichnamigen Romanvorlage von Frances Hodgson Burnett basierenden Film „Der Geheime Garten“ in die Kinos.

Der Film von Marc Munden spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts und es geht um das junge Mädchen Mary (Dixie Edgerickx), das nach dem unvorhergesehenen Tod ihrer Eltern ihren Wohnort in Indien verlassen, und in ihrer ursprünglichen Heimat Yorkshire auf dem großen Anwesen ihres Onkels (gespielt von Colin Firth) leben muss. Der Hausherr lässt sich allerdings eher seltener blicken und so streift Mary entgegen ausdrücklichen Verbots in dem heruntergekommenen Haus und auf dem idyllischen Gut umher, muss sich dabei mit der unangenehmen Haushälterin Mrs. Medlock herumschlagen, macht Bekanntschaft mit einem Hund, und mit Colin Craven, dem kränklichen und weinerlichen Sohn ihres Onkels und Dickon, dem Bruder ihrer Dienerin. Außerdem entdeckt sie den titelgebenden geheimen Garten und erfährt durch dessen Geschichte viel über ihre tote Mutter, zu der sie in der letzten Zeit keine gute Beziehung mehr hatte, und deren ebenfalls verblichene Schwester, der Ehefrau ihres Onkels. Grob zusammengefasst unter zwei Begriffen geht es in „Der Geheime Garten“ also um Mommy Issues und …eben diesen Garten!

Das Drehbuch der Buchadaption kommt von Jack Thorne, der auch schon so unterirdische Sachen wie das Skript zu dem (komischerweise gefeierten) Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ (im Englischen Original „Harry Potter and the Cursed Child“) verbrochen hat. Ganz so haarsträubend schrecklich geschrieben ist der aktuelle Film allerdings nicht; er wirkt lediglich auf eine seltsame Weise latent langweilig. Aber ich greife voraus…

Man muss fairerweise sagen: Schon von Beginn an hatte der Film es schwer bei mir, denn das Haus, in welchem sich große Teile des Films abspielen, steht in den Mooren von Yorkshire und wirkt so wie aus einem klassischen Gothic Novel, wie z.B. „Wuthering Heights“. Und dieses „Gothic“ Setting findet in vielen Fällen bei mir einfach keinen Anklang, wobei Ausnahmen hier natürlich die Regel bestätigen. Deswegen geht mir schon mal ein Großteil der Atmosphäre auch extrem auf die Nerven. Sobald es aber in den titelgebenden Garten geht, wird dies besser. Der  ist nämlich nicht nur wunderbar farbenfroh, sondern, durch die vielfältige Flora ebenso wie die Riege der Darsteller – durchwachsen. (Dieses Wortspiel sei mir an dieser Stelle erlaubt.)

Auf der Seite der Erwachsenen sehen wir Julie Walters als Haushälterin, die mir natürlich als Molly Weasley aus „Harry Potter“ ins Gehirn gefräst bleibt, der ich hier allerdings nur sehr schwer den Umbridge-Charakter abnehme, obwohl sie ihn gut spielt. Außerdem tritt Colin Firth auf, der wiederum aber bis zuletzt eher eine Randerscheinung bleibt. Er spielt seine Rolle mit den wenigen Sätzen, die er hat, eben so, wie er sie spielen soll, und das macht er ganz passabel.

Bei den Jungdarstellern macht Dixie Egerickx, als Protagonistin Mary ihre Sache gut, ist mir hin und wieder aber zu wechselhaft im Spiel: einerseits ist sie posh, andererseits auch übertrieben neugierig. Ihr Kostüm lässt sie sehr süß aussehen und dieser Aspekt gehört zum Besten, was ich über diesen Film sagen kann. Die Kamera ist sehr oft auf ihrer Augenhöhe. Das soll wohl Intimität schaffen. Klappt aber nicht.

Wechselhaft ist auch der Charakter des kränklichen Jungen namens Colin, der einen die ganze Zeit einfach nur nervt, weil er so ein weinerlicher Pain-in-the-Ass-Schluri ist. Und der andere männliche Gegenpart zu Mary ist Dickon: er ist belanglos und unwichtig, denn die Handlung interessiert sich für ihn nicht wirklich – er ist halt einfach da.

Es geht eben in der Hauptsache um die Beziehung der Mütter von Mary und Colin, die Zwillingsschwestern waren, zueinander und zu ihren jeweiligen Kindern. In Rückblenden bekommt man das Verhalten von Marys Mutter zu ihrer Tochter zu sehen – Sie ist die ganze Zeit sowas von pissig und mies drauf! Zwar hat sie gerade ihre Schwester verloren, und jaja, die Moral des Films ist „Loss changes people“ aber Alter Schwede, in ihrer Vernachlässigung ihres Kindes wirkt die Frau total selbstsüchtig und die Story des Films verlangt jetzt, dass die Tochter erstmal wieder zu ihr findet, obwohl sie tot ist, und ICH muss mir das Ganze dann anschauen! Vor allem konfrontiert Mary ihren schwächlichen Cousin die ganze Zeit auch mit dessen Mutter, der das aber gar nicht hören will. Ok, er ist halt etwas weinerlich, aber im Ernst mal, der hat den Tod seiner Mutter vielleicht auch einfach noch nicht verarbeitet und Mary, die es eigentlich besser wissen müsste, ist in ihrer Verhaltensweise einfach total unsensibel, da sie sein Nein einfach konsequent ignoriert und denkt, sie weiß was am besten für ihn ist. Das Schlimmste daran ist, der Film gibt ihr am Ende auch noch recht!

Aber eigentlich ist „Der Geheime Garten“ es gar nicht wert, dass ich mich so über ihn aufrege, denn durch die Art, wie er erzählt ist, vermittelt er einem das Gefühl von totalem Desinteresse und Non-Involvement: All diese Figuren erreichen einen einfach nicht. Es ist alles egal und langweilig. In großen Teilen dafür verantwortlich ist das Pacing des Films. Dieses ist so ultralangsam… obwohl Nein, das trifft es nicht ganz, es passiert halt einfach die meiste Zeit so gar nichts! Ein handlungstreibender Konflikt denkt sich erst nach gut einer Stunde Laufzeit „Oh! Vielleicht sollte ich auch mal mitspielen, damit die Figuren auch mal wirklich was zu tun haben, damit es auch um was geht!“ Eine richtige Spannung kommt erst ganz am Schluss in Fahrt, als es zu diesem dämlichen Deus Ex Machina-artigen Hausbrand kommt, der NATÜRLICH Colin Firth erkennen lässt, wie wertvoll ihm sein Sohn ist (jaja, muss halt sein) und NATÜRLICH muss der Vater zu einem guten Menschen werden: es ist Colin Firth und er spielt in einem Kinderfilm mit, NATÜRLICH braucht man da anscheinend ein Happy End mit Aussöhnung… Ja, und dann ist der Film auch schon zu Ende.

Fazit: Nein, also „Der Geheime Garten“ verfügt über zu wenig Garten, zu viel Rumgenöle und vor allem über viel zu viel Gar Nichts.

Info:
Filmstart: 15.10.2020
Text: Nino Steffeck
Bild: Studiocanal

Diese Kritik ist auch in Videoform auf Ninos YouTube-Kanal KINO NINO zu finden unter: https://www.youtube.com/watch?v=rUlYTNgc6Ug

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